Evidenzbasierung – Der Wahrheit letzter Schluss?

Wissenschaft ist hoch im Kurs. Egal was, es muss wissenschaftlich bewiesen werden. Vorher ist es unecht, dafür werden zwei Gründe angegeben: Evidenz und Logik. Das Versprechen lautet: Studien überprüfen Evidenzen und sind logisch, oder eben wissenschaftlich. Sie überprüfen die Wirklichkeit besonders gut und beseitigen gefühlige Falschinformationen. So gilt die „evidenzbasierte Praxis“ als der Wahrheit letzter Schluss, ob in der Medizin, der Personalentwicklung oder der Psychologie. Echt ist also das, was in einer Studie untersucht wurde. – Eine Widerrede.

Häufig genug sehen Gespräche so aus: „Eine Studie hat gezeigt…“ Kann sein. Und in China ist ein Sack Reis umgefallen. Leider weiß ich nicht, wie viele Studien pro Tag produziert werden. Zu viele sind es und die meisten widersprechen sich auch noch. Oder sind gleich legale Bestechungen. Um nun das Kind nicht gleich mit dem Bade auszuschütten wenden wir uns mal den Vorteilen zu:

Gute Studien helfen, sonst Unsichtbares sichtbar zu machen. Bei Atomkraftwerken erlauben sie es, Strahlung zu messen und zu vergleichen. Ohne Studien und technische Geräte würden wir erst davon wissen, wenn es zu spät ist. Sie helfen auch Dinge zu verstehen, die einfach zu groß sind: Bildung, Armut, Gerechtigkeit oder ganz allgemein das Verhalten von Massen.

Um all das zu erforschen, ist die wichtigste Methode Statistik. Und da fangen aber die Probleme an: Es gibt nicht so viele Menschen, die Statistik wirklich begreifen. Auch in der Wissenschaft sind es überraschend wenige. Ebenso wichtig ist die Logik. Und auch hier kann man immer wieder mit Erstaunen feststellen, wie viele wissenschaftliche Studien logische Fehler enthalten. Das ist so, als ob man die Grundrechenarten nicht beherrscht. Mein Lieblingsfehler ist die Verwechslung von Korrelationen mit Ursache und Wirkung: Immer wenn die Störche kommen, gibt es Babys – also bringen Störche Babys.

Also Vorsicht mit der Wissenschaft. Wissenschaftlich ist etwas vor allem dann, wenn die Wissenschaft es hergestellt hat. Egal ob richtig oder falsch. Häufig genug erfüllen die meisten Studien nämlich selbst die basalen wissenschaftlichen Anforderungen nicht. Und dann wird Evidenz durch „Studie“ ersetzt, selbst wenn die tatsächlichen Evidenzen überhaupt nicht überprüft, hinterfragt oder kritisch verglichen wurden. Was also ist Evidenz?

Vor allem meint Evidenz: Fakten, Fakten, Fakten oder konkreter: zählen und messen. Und zwar so, dass ein Fremder egal wo auf der Welt die selben Ergebnisse messen würde. Nun ist das einfach, wenn man Äpfel zählt. Aber es ist auch langweilig, denn meistens möchte man Unterschiede messen: Wie viele Äpfel bleiben länger grün, wenn es mehr regnet? Dann muss man mehrfach zählen: Apfelbäume bei Sonnenschein, andere Apfelbäume bei Regen und auch noch Apfelbäume mit Sonnenschein und Regen. Es wird sehr schnell sehr kompliziert oder auf gut deutsch: es braucht gute Regeln. Und diese findet man eben in der Statistik und Logik. Und hier sind wir wieder bei dem Anfang der Probleme!

Die meisten Menschen und auch die meisten Wissenschaftler kennen die Regeln nicht. Sie zählen einfach. Und vergleichen Äpfel mit Birnen, meistens ohne es zu merken. Und das schreiben sie in einer Studie auf und behaupten: Das ist evident, das sei nun wissenschaftlich bewiesen. So wie ein Schüler behauptet, zwei plus zwei sei fünf. Das ist zwar gerechnet bleibt aber falsch! Es ist also wissenschaftlich, halt nur nicht bewiesen und schon gar nicht evident.

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