Coden statt Griechisch!

Notizbuch, Laptop, Smartphone

Fortschrittsfeindlich. Das sagt man den Deutschen im Allgemeinen nach. Trotz aller Ingenieure, Physiker und Chemiker, trotz der Autoindustrie und dem Status als Exportweltmeister. Wie passt das zusammen?

Erst einmal ist der Grund ganz banal: Die Feindschaft zwischen Pädagogik und Technik. Doch bevor wir dem ein Stückchen nachgehen, ein kleines Gedankenexperiment, für das ich ein wenig ausholen muss.

Die Wurzeln der abendländischen Geschichte

Lange Zeit lernte man Griechisch und Latein in den Schulen. Tote Sprachen, und doch musste jeder Abiturient diese Sprachen erlernen. Französisch, Russisch und Englisch kamen erst danach und auch historisch später. Heute betrachtet man das als Zeitverschwendung, sind doch tote Sprache nicht unmittelbar nützlich. Tatsächlich aber lernte man mit den Sprachen etwas über die eigene Kultur, die Werte und die Geschichte. Man erlernte Rhetorik und auch Pädagogik, man verstand warum die Dinge in einem Land so sind, wie sie eben sind. Es ging nie darum, die Sprache zu sprechen. Sondern um die eigene Kultur zu verstehen. Wer Latein kann, gewinnt ein intuitives Verständnis des römischen Rechts und somit unseres Rechtssystems. Mit Griechisch wird das logische Denken ebenso geschult, wie die Basisfragen von Ethik, Gesellschaft und Fortschritt – eben, weil es die Basisfragen der Griechen waren, auf die sich die deutsche Kulturnation später berufen sollte. Irgendwann hat man Griechisch und Latein durch Physik, Biologie und Chemie ersetzt. Und das war die Geburtsstunde des deutschen Ingenieurs, Tüftlers und Erfinders.

Informatik als Pflichtfach

Mit diesem Hintergrund nun zurück zu unserem Gedankenexperiment: Stellen Sie sich mal vor, wir würden in der Schule als Pflichtfach anstelle von Chemie und Soziologie Informatik und Medienwissenschaften unterrichten. Stelle Sie sich vor, jedes schulpflichtige Kind würde eine Programmiersprache genauso erlernen, wie einst Latein und Griechisch erlernt wurden. Mir ist bewusst, dass es Forderungen aus der Wirtschaft und Industrie gibt, um mehr kompetente Informatiker zu gewinnen. Doch das ist nicht unser Gedankenexperiment. Stellen Sie sich vor, jeder Mensch mit Schulabschluss in Deutschland hätte ein intuitives Verständnis für den Aufbau der digitalen Welt in Deutschland entwickelt. So wie man intuitiv das römische Recht einst verinnerlichte, würde man eine Intuition für die digitale Welt gewinnen. Eine tiefe, in der Pädagogik angelegte Ahnung davon, was das Digitale ist. Ein Tiefenverständnis für die digitale Kultur.

Pädagogik vs. Technik

Doch hier schließt sich der Teufelskreis, denn dafür müsste man die Pädagogen vom Erzieher bis zum Gymnasiallehrer erwärmen und gewinnen. Doch das ist genau deswegen so schwer, weil es eine alte Feindschaft zwischen der Pädagogik und der Technik gibt. Diese geht auf den französischen Philosophen und Autodidakten Jean-Jacques Rousseau zurück. Im Geiste der Aufklärung schuf er das Ideal: „Zurück zur Natur“ und meinte damit, „Weg von der Kultur und Technik“. Die Natur als romantische Vorstellung und als perfekter Erzieher, unverdorben und voller Reinheit. Doch Rousseau bediente, ohne es zu wissen, ein viel älteres Motiv, nämlich das der Griechen. Dort war die Natur das ultimative Vorbild. Der Mensch konnte dieses Vorbild nur nachahmen. Und wie das mit Nachahmungen so ist, sind Kopien immer irgendwie schlechter als die Originale. Die Qualität ist geringer, das Imitat ist fehlerhaft und irgendwie billig. Die Nachahmung ist immer schlechter.

Reinheit des Natürlichen

Schauen Sie sich nur mal die Bio-Bewegung an, die immer von der Reinheit des Natürlichen erzählt. Gentechnik ist demnach der größte Feind, weil sie die Reinheit der Natur verletzt. Und zwar egal wie die Argumente lauten. Hätten einige fundamentalistische Bio-Geister Griechisch gelernt, wüssten Sie etwas von diesen Ursprüngen und wären vielleicht entspannter. Hätten Sie hingegen programmieren gelernt, gewännen sie eine Ahnung für die natürliche Schönheit der Technik und ihrer geradezu magischen Kraft. So aber fehlt ihnen sowohl das kulturhermeneutische Wissen aus dem Griechisch- und Latein-Unterricht, als auch das technische Wissen der Informatik und einer Programmiersprache. Schade.

Was also ist die Moral von der Geschicht’? Lernen Sie Griechisch, Latein oder eine Programmiersprache Ihrer Wahl!

Von Martin C.Wolff erstmals veröffentlicht in BPK Consulting am 20.September 2017

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