Kommunikation und Macht

Als der heilige Gral des Konfliktmanagements gilt das gute Gespräch, der „Gebrauch von Gründen in einer gemeinsamen Argumentation“. So oder so ähnlich klingt es, wenn jemand sehr weises erklärt, wie mit Klugheit, Rationalität und miteinander Sprechen – die drei Musketiere der Vernunft – alles in der Welt besser wird. In der Tat teile ich diese Überzeugung oder sagen wir mal Hoffnung. Denn ein Blick in die Welt zeigt rasch, dass es damit nicht getan ist. Die drei Musketiere sind in der Unterzahl und wir brauchen Verstärkung: Was tun, wenn es mal nicht klug, rational und kommunikativ zugeht?

Das Problem ist schlicht: Kommunikation, bleibt immer ein Veto-Geschäft. Einer reicht aus, der nicht (verstehen) will und schon fällt das ganze Gespräch in sich zusammen und es offenbart sich die darunter liegende Ebene der Macht. Formal betrachtet ist Kommunikation ein Mittel zum Zweck der Gestaltung. Und das Gestaltende ist Macht im eigentlichen Sinne, eine verändernde Kraft. Oder mit dem Wort des Dichters: „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.“ Das haben die Kontrahenten der klugen Leute verstanden. Sie wissen um diese Grenze der Kommunikation und nutzen sie aus. Der Klügere redet solange, bis er schließlich der Dümmere ist.

Lassen Sie uns also diese zwei Ebenen unabhängig voneinander betrachten: Die Kommunikation und die Macht. Damit Kommunikation gelingt, braucht es Gesprächspartner, die auch wirklich reden wollen. Das zu erkennen ist einfach, man muss vor allem seinem Bauchgefühl folgen. Hat man das Gefühl, dass das Gespräch lebendig ist, bilateral, dass es etwas verändert, dann gelingt es. Hat man hingegen das Gefühl, gegen eine Wand zu reden oder völlig ungehört dazustehen, dann misslingt es. Ein gelingendes Gespräch besteht aus offenen Fragen von beiden Seiten, die auf das Innere des Anderen abzielen. Dabei wird nicht versucht, den Gesprächspartner zu verändern. Vielmehr wird danach gesucht, entweder selbst verstanden zu werden oder den anderen zu verstehen.

Hat eine Person kein Interesse am Gespräch, dann stellt sie Forderungen und gibt Befehle, baut immer neue Bedingungen auf und spricht in Wenn-Sätzen, nutzt geschlossene Fragen und vor allem ist sie moralisch und redet immer wieder von der Gerechtigkeit. Mit einem solchen Menschen kann man nicht sprechen, denn das Gespräch funktioniert nur, wenn beide sprechen wollen. Ein solcher Mensch nutzt das Gespräch aus, um kompromisslos seine Vorstellungen durchzusetzen und Bestätigung für seine vermeintlich überlegene Position zu gewinnen.

Es gibt auch noch eine andere Form des scheiternden Gespräches, jene, die Guido Eckert am 22. Januar 2016 im Süddeutschen Magazin beschrieb. Es sind Menschen, die ihre Meinung auf Grundlage eines Lebensgefühls haben. Solange das Lebensgefühl sich nicht verändert, wird sich ihre Meinung auch nicht verändern. Heinz Bude hat das mehrfach beschrieben und es klingt fast die Worte von Yoda: „Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsäglichem Leid.“

Die demütige Erkenntnis liegt darin, dass unsere drei Musketiere nur einer privilegierten Gruppe dienen. Diese Gruppe aber hat die Stimm- und Deutungshoheit, sie stellt die journalistische, politische, akademische und wirtschaftliche Elite. Und jetzt, wo das Internet die Öffentlichkeit in viele tausend kleine Öffentlichkeiten zersplittert hat, zeigt sich, dass sie nur eine Minderheit ist. Und es zeigt sich, dass nicht nur außerhalb Deutschlands Menschen ihre Meinungen an ein Lebensgefühl koppeln. Gegen Gefühle helfen keine Argumente, keine Rationalität und keine Klugheit.

Für das Konfliktmanagement bedeutet das ganz schlicht, dass die eigentliche Arbeit beim Gefühl liegt. Und erst wenn eine Situation so gestaltet ist, dass sie eine Betrachtung der Gefühle erlaubt, können sich Meinungen und Haltungen verändern. Der Trick mit dem heiligen Gral des Konfliktmanagements hingegen, liegt in seiner Utopie. Er ist eine Vision, die uns in einer anders gearteten Realität Orientierung bietet. Doch solange diese Realität in der Zukunft liegt, sollte man sich gleichberechtigt der Macht als Lösungsoption zuwenden, ihre Mechanismen ernst nehmen und sie nutzen. Das ist dann nämlich kluges Verhalten.

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