Kompetenter Umgang mit Gefühlen

„Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass und Hass zu unsäglichem Leid.“ – Schlechte Gefühle sind schlecht, gute Gefühle sind gut. Das ist also die lege artis der Kompetenzvermittlung für die eigenen Gefühle. Jetzt weiß ich, dass ich schlechte Gefühle nicht haben sollte. Aber was mache ich, wenn sie doch mal kommen? Dazu hat Yoda keinen Hinweis übrig. Die nähere Analyse zeigt, dass solch weise anmutende Ratschläge eine reine Scheinkompetenz erzeugen. Ihnen liegt eine theologische Annahme zugrunde: Schlechtes führt zu Schlechtem, Gutes führt zu Gutem und der Rest regelt sich von alleine. Und die Gefühle der anderen sind noch nicht einmal in Sichtweite gelangt. Wie fatalistisch!

Die Kernbotschaft ist klar: Wir bleiben Opfer unserer Gefühle, sie bestimmen uns schicksalshaft. Kompetenz aber bedeutet das genaue Gegenteil, nämlich ein Mittel gegen das Schicksal in der Hand zu halten. Diese Kompetenz kann nicht bedeuten, Gefühle vollständig zu ignorieren. Gefühlskälte ist ebenso schädlich, wie unwirksam – und das wissen wir nicht nur aus Wahlkämpfen. Sie kann aber auch nicht bedeuten, alles zu emotionalisieren.

Auch hier findet sich die Tugend im Mittelmaß: Gefühle als Teil des Geschehens wahr- und ernstzunehmen. Nicht mehr, und auch nicht weniger. Die Gefühle sind ein Teil der Mannschaft, die da auf dem Feld spielt. Ignorieren wir diesen Teil verstehen wir das Spiel nicht und verlieren. Verlassen wir uns nur oder zu stark auf diesen Teil geht es uns ebenso. Der Clou liegt in der genauen Bestimmung dieses Teils. Und das gelingt, wenn man gut auf Gefühle hört – auf die eigenen und die der Anderen.

Gefühle sind das Radar, das die Lage der Welt erfasst. Sie teilen uns mit, ob gerade etwas richtig oder falsch ist. Ob es an etwas fehlt oder etwas zuviel da ist. Sie speichern Informationen, die jedoch maskiert bleiben. Wut als Gefühl zeigt Vieles an, aber eben als nur die Richtung und den Ausschlag, nicht aber worum es geht. Das Denken ist halt nicht Aufgabe des Fühlens. Liebe ist da ein bisschen einfacher, sie kann meistens noch Ort und Gegenstand bestimmen.

„Erforsche deine Gefühle!“ ist ein immer wiederkehrendes Motiv in Filmen wir Star Wars. Und tatsächlich ist das ein guter Weg in Richtung Kompetenz: Ein Gefühl bei sich oder anderen festzustellen, führt idealerweise zu einem aufmerksamen Innehalten. Mit Faszination, Neugierde und Misstrauen betrachtet man dann diesen Spieler. Nimmt ihn zur Kenntnis. Grüßt ihn. Nickt ihm zu. Und wendet sich dann wieder dem Gesamtgeschehen zu. Das bedeutet Affektkontrolle. Vielleicht kommt man ja später wieder darauf zurück. Vielleicht. Das Gefühl legitimiert uns noch lange nicht zu einer Handlung – wenn wir Hunger verspüren, essen wir ja auch nicht unserem Nebenmann das Bein ab. Genau das bedeutet, eine Kompetenz im Umgang mit Gefühlen an den Tag zu legen!

Wem das nicht reicht, dem seien noch zwei Fragen mit auf den Weg gegeben: Woran merke ich, dass ich wütend werde? Und was alles macht mich wütend? Es hilft, sich die Antworten in Ruhe aufzuschreiben. Die Welt verändert sich zwar nicht, wenn man weiß, dass man wütend wird. Aber es erweitert den Handlungsspielraum ungemein.

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