Devianz als Chance

Diebstahl oder Krankfeiern der Mitarbeiter etwas Positives für das Unternehmen abzugewinnen, fällt schwer. Und doch können Devianz und Normabweichung auch positive Effekte haben, wie schon erwähnt. Die Rede ist von Verhalten, das zwar von der Norm des Unternehmens abweicht, diesem jedoch nicht schadet sondern potentiell nützt. Die Wissenschaft streitet sich um die Zugehörigkeit dieses Falls zum Forschungsfeld der Devianz und doch wird sie als positive oder produktive Devianz bezeichnet.

Wie sieht positive Devianz nun in der Praxis aus? Ein Mitarbeiter des Einkaufs setzt sich über Richtlinien zur Beschaffung hinweg, um dadurch eine bessere Qualität oder einen günstigeren Preis erzielen zu können. Oder ein Mitarbeiter in der Produktion weicht von den vorgesehenen Schritten ab, um einen Ablauf zu verbessern.

Aus klassisch ökonomischer Sicht stellt die Existenz von positiver Devianz ein Paradox dar. Dies ergibt sich aus der Betrachtung der Anreize auf Seiten des Mitarbeiters und auf Seiten des Unternehmens. Angenommen es gibt eine klare Norm und ein Mitarbeiter verstößt dagegen. Dann muss er damit rechnen, für sein Verhalten bestraft zu werden. Auch und obwohl der Mitarbeiter dabei das Wohl des Unternehmens im Auge hatte. Der Mitarbeiter sollte also keinen Grund haben, dieses Risiko einzugehen. Aus Unternehmenssicht hingegen, gibt es keinen Grund geschäftsförderliches Verhalten zu verbieten. Normen, von denen im positiven Sinne abgewichen werden kann, sollten daher nicht existieren. Aus ökonomischer Sicht sollten bessere als die bestehenden Lösungen immer erlaubt sein. Dies könnte im Einkauf beispielsweise über eine Norm umgesezt werden, die sich auf den zu erzielenden Einkaufspreis und die Qualität, nicht den konkreten Anbieter, bezieht. Soweit zur Theorie.

Abweichung als Mechanismus zur Korrektur und Innovation

In der Praxis steigt die Qualität der Lösungen nicht mit der Gehaltsstufe oder der Büroetage. Normen werden jedoch meist von den Experten und Managern der höheren Etagen gesetzt. Zum einen richtet sich ihr Fokus notwendigerweise auf das große Ganze und nicht auf die Details. Zum anderen sind bestehende Normen die Lösungen für Probleme von gestern. Gleichzeitig haben viele Mitarbeiter entgegen dem überholten ökonomischen Verständnis mehr Interesse an ihrer Arbeit als an ihrem Gehalt am Ende des Monats. Und sei es einzig, um sich das Leben etwas leichter zu machen. Vor allem in ganz praktischen Fragen stehen die Chancen daher gut, dass die Lösungen der Hands-on Mitarbeiter die besseren sind. Wenn diese in ihrer Arbeit systematisch von Normen abweichen, lohnt es sich also warum zu fragen. So wird aus Abweichung ein Mechanismus zur Korrektur und Innovation.

Faulheit macht erfinderisch

Abweichung bedeutet nicht nur die Regeln zu brechen, und sich daneben zu benehmen. Abweichen kann auch heißen, die ausgetretenen Pfade zu verlassen um ein Problem zu lösen. Allerdings zeigen Fox und Kollegen (2012) in einer Studie, dass hilfreiches und schädliches Mitarbeiterverhalten näher beieinander liegen als zuvor gedacht. Vor allem sind sie keine Gegensätze. Diejenigen, die das Gefühl haben, viel zu geben, nehmen sich an anderer Stelle mehr heraus. Auch bei kontraproduktivem Verhalten lohnt es sich genau hinzusehen. Gibt es vielleicht einen Grund in den Strukturen? Reagieren die Mitarbeiter auf etwas? Oder wenn jemand zwar durch seine langen Pausen auffällt, gleichzeitig jedoch genauso viel schafft wie andere, lohnt sich die Nachfrage wie er das macht. Genauso wie Mitarbeiter mit besonderem Einsatz, durch fehlende Anerkennung zu Mitarbeitern werden können, die schaden, ist vielleicht auch das Gegenteil möglich. Faulheit macht eben erfinderisch. Nicht wenige hilfreiche Innovationen wurden bereits aus Faulheit geboren.

Die Beschäftigung mit Abweichungen ist zunächst mal eine Störung im System und verursacht Mehrarbeit. Wer diese aber ignoriert oder zu vermeiden versucht, wirft Informationen weg und lässt Potenziale ungenutzt. Denn abweichendes Verhalten deckt auch blinde Flecken auf und ermöglicht Innovationen. Die Anerkennung der Existenz von Devianz ist also auch ein Eingeständnis, dass das Unternehmen und Unternehmensführung weder immer auf dem neusten Stand noch allwissend sind.

Fox, S., Spector, P. E., Goh, A., Bruursema, K., & Kessler, S. R. (2012). The deviant citizen: Measuring potential positive relations between counterproductive work behaviour and organizational citizenship behaviour. Journal of Occupational and Organizational Psychology85(1), 199-220.

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