Für mehr populistische Führung!

Ist Ihnen auch aufgefallen, dass Europa keine Führung hat? Der status quo wird verwaltet und Verwaltung kennt Regeln, Protokolle und Sachzwänge. Emotionen sind ihr fremd, ebenso Pathos, Leidenschaft, Temperament und Hingabe. Denken Sie an den preussischen Beamten: Unbestechlich, sowohl gegen Geld als auch gegen Argumente. Dinge werden nach Aktenlage entschieden. Das ist die Herrschaft der Vernunft, wie sie sich das Abendland lange ersehnte. Das ist der ausgesprochene Wunsch der gegenwärtigen politischen Führung Europas. Doch Vorsicht mit den Wünschen: Sie könnten in Erfüllung gehen.

Was unterscheidet Führung von Nachgeplapper?

Um es vorwegzunehmen: Es ist völlig unklar, ob sich Vernunft und Führung überhaupt vertragen oder aber ob Führung zwingenderweise immer etwas populistisches mit sich bringt. Wir leben im Zeitalter der Vernunft, das ist der dogmatische Konsens des Westens. Und das Mantra lautet, dass es diese Vernunft sei, die den Westen von anderen Zivilisationen unterscheidet. Vernunft meint dabei einen für alle gleichermaßen erreichbaren Zustand, der die Herrschaft ersetzt. Und Herrschaft ist nur ein anderes Wort für Führung. Mehr noch geht es in der jüngsten westlichen Zivilisationsgeschichte in erster Linie darum, die menschliche Welt zu entpersonalisieren: Bürokratie statt Führung. Anstelle von Führern sollen Gerichte, Parlamente, Protokolle und Algorithmen entscheiden. Sie alle haben gemein, dass sie Verkörperungen des Vernünftigen sind.

Tatsächlich geht es bei den Vernünftigen allzuhäufig um einen Durchschnitt, einen gewohnten Standard, der nicht verletzt werden darf. Er entsteht aus der bloßen Anwesenheit, zusammen zu sein. Der Durchschnitt definiert die Norm und damit das Normale, und alle Normabweichungen werden als Störungen abgelehnt. Ein Philosoph drückte diesen Umstand folgendermaßen aus:

Das Miteinandersein besorgt als solches die Durchschnittlichkeit. Deshalb hält es sich faktisch in der Durchschnittlichkeit dessen, was sich gehört, was man gelten läßt und was nicht, dem man Erfolg zubilligt, dem man ihn versagt. Diese Durchschnittlichkeit in der Vorzeichnung dessen, was gewagt werden kann und darf, wacht über jede sich vordrängende Ausnahme. Jeder Vorrang wird geräuschlos niedergehalten. Alles Ursprüngliche ist über Nacht als längst bekannt geglättet. Alles Erkämpfte wird handlich. Jedes Geheimnis verliert seine Kraft.*

Durchschnittliche Sachlichkeit verliert

Der Brexit ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie es um die Durchschnittlichkeit steht. Während des Wahlkampfes monierten alle, dass die Remain-Fraktion so vernünftig und sachlich argumentierte. Und beschwerten sich im selben Atemzug über die Emotionen und den Populismus der Exit-Fraktion. Der naheliegende Schluss aber bleibt aus, dass es auf Rationalität, Sachlichkeit und Vernunft bei Führung schlichtweg nicht ankommt. Es lohnt sich einzuschieben: Es gibt keine gute Theorie zu Führung. Genau genommen gibt es nicht einmal eine schlechte, nämlich gar keine. Eine bemerkenswerte Ausnahme bietet Kurt E. Beckers Charisma-Theorie. Das, was in aller Munde ist – Leadership, Führung, etc. – entzieht sich dem theoretischen und wissenschaftlichen Zugriff. Die Paradoxie von Assessment-Centern liegt häufig darin, dass sie nicht wissen, was sie messen. Noch komplizierter wird es, wenn man sich auf die großen Führungsbegriffe hinbewegt. Es ist das Operieren mit großen Unbekannten, nach denen wir uns verzweifelt sehnen, sie auch erkennen, wenn wir sie sehen – sie aber weder herstellen, noch messen können.

Der Grund für dieses Problem ist schlicht: Unsere moderne Sicht auf die Welt lässt nur Dinge zu, die wir messen können. Gefühle fallen da ebenso raus, wie Konzepte von Charakter, Persönlichkeit, Intensität, Motivation oder Vision. Virchow brachte es auf den Punkt: Trotz tausender Operationen hat er keine einzige Seele entdeckt. Jetzt, 100 Jahre später, moniert Yskert von Kodolitsch, dass die Medizin ohne die essenziellen Konzepten von Charakter oder Meaning schlechter geworden ist. Der Tausch ist klar: Wir haben nunmehr ein phänomenales Verständnis von der harten Mechanik aller Dinge und bezahlen das mit dem Unverständnis für alle ’soften‘ Zusammenhänge.

Führung impliziert kämpfen, nicht hoffen

Wahlkampf ist immer populistisch, muss es auch sein. Es geht ums Kämpfen ohne Gewalt, es geht ums Gewinnen, um die Verteilung von Macht und die Zuweisung von Herrschaft von Menschen über Menschen. Es kann gar nicht anders als um Gefühle zu gehen. Vernünftiger Wahlkampf ist langweilig, weil ihm das Kämpferische abgeht. Langweilige Führung ist keine Führung, ihr fehlt das Charismatische, das Fesselnde, Prickelnde, Spannende. Automatisch merken wir, dass Führung Spannung braucht, Zug und Drive. Der Europäischen Union wirft man Gefühlskälte, Technokratie vor; sie ist gefühlslos. Sie hat denselben Charme wie ein Verwaltungsamt. Der Geruch von Behören weht durch Brüssel, aber nicht der von Politik oder gar Führung. Die Befürworter des Brexit haben das überdeutlich illustriert. Im Übrigen galt das auch für Merkel, bis sie Gefühle für ein Thema zeigte: Die Flüchtlingsfrage. Seit dem wirft man ‚Mutti‘ nicht mehr Gefühlskälte, sondern Populismus und irrationale Leidenschaft vor. Gut zu beobachten war das im Anschluss des Brexit: Abgebrühte und erfahrene Politiker führten sich reihenweise wie betrogene Ehemänner auf. Nur dass der Betrug fehlte.

Die beleidigten Technokraten

Warum waren all diese Profis beleidigt? Was genau hat sie so sehr gekränkt, dass sie nicht länger zu Sachlichkeit, Diplomatie und Rationalität in der Lage waren? Der Sündenbock war schon im Vorfeld ausgemacht: Der böse Populismus. Die Rückkehr der großen Gefühle in die Politik verunsichert all jene, die zur Technokratie sozialisiert wurden. Das gilt im Übrigen genauso für Unternehmen: Die Herrschaft der Technokraten blickt neidisch und ängstlich zugleich auf die Herrschaft der Heroen. Erstere verstehen letztere schlicht nicht und fürchten um ihre Überlegenheit. Das meinen sie mit Populismus. Wie sieht es aber von innen aus?

Was von außen Populismus heißt, ist von innen menschlich

Von innen her betrachtet, ist Populismus das Gespür für das Gefühl, ein tiefes Wissen um die unsichtbaren ‚Bodenschätze‘ der Psyche. Populismus bedeutet in erster Linie Menschenkenntnis, er nimmt das Menschliche am Menschen ernst und für bare Münze. Gefühle, Menschsein, Nettsein und so weiter – alles, worauf es den Menschen im Alltäglichen ankommt.

Was versprechen also die sogenannten Populisten? Ein gutes Gefühl und Führung oder schlichter: Sicherheit und Geborgenheit. Das ist auch der eigentliche Kernauftrag an jede Führung, egal ob in der Familie, der Politik, der Verwaltung oder der Wirtschaft: Führung als Kontingenzvermeidung, als Garant für Sicherheit. Die Führung als erster unzweifelhafter Adressat für Probleme. Die eigene Ambivalenz und Unsicherheit wird an die Führung delegiert und mit dem Mandat ausgestattet, Herrschaft auszuüben.
Deswegen funktioniert Charisma als Konzept so gut. Charisma lässt sich in einem Satz definieren: „Es steht geschrieben, Ich aber sage euch.“ Glaubt nicht den Männern des Wortes, der Schrift und den Experten. Ich nämlich sage euch… Ein uraltes und gleichzeitig hochpotentes Muster. Beliebig, beinahe willkürlich und doch antwortet es genau auf den eigentlichen Führungsauftrag. Wir können dieses Raster über verschiedenste Führungspersönlichkeiten legen und finden das Muster immer wieder: Was zeichnet Putin aus: Ein Mann mit Eiern. Dasselbe für Erdogan. Das ist es, was man nach dem Brexit David Cameron und Boris Johnson ankreidete: Keine Eier zu haben. Das Sicherheitsversprechen eben nicht einzulösen, was sie vorab gaben.

Führung im Umbruch

Der Clou unserer Zeit liegt darin, dass die Welt wieder in Bewegung gerät. Der Kalte Krieg ist aufgetaut, die technologische Revolution nimmt eine Geschwindigkeit an, wie sie im 19. Jahrhundert das letzte Mal existierte. Die gesellschaftlichen Umstände brechen um, egal ob man das mit Globalisierung oder Flüchtlingswellen ausdrückt. Das Bemerkenswerte liegt darin, dass nichts unberührt bleibt: Die Technologie überrumpelt die Wirtschaft, die Politik verzweifelt an den Finanzmärkten und den neuen Kriegen und die Demographie läutet große personelle Veränderungen ein. 
In diesen Zeiten sind Führungsfragen wieder aktuell geworden. Es geht nicht mehr um die Verwaltung des Bestehenden, um die Reorganisation innerhalb eindeutiger Rahmenbedingungen. Es geht um den Zerfall der Rahmen selbst.

Führung bedarf einer neuen Qualität. Sie sollte reflexiv sein und wissen was sie tut. Jedoch kann sie nur Bestand haben, wenn sie auch führt – und sich des reichen Schatzes des Populismus bedient, statt ihn einfach nur zu verteufeln, weil er das Spiel besser spielt. Führung bedeutet in diesem Sinne die Synthese aus Verantwortung und Gefühl, das leidenschaftlich kommuniziert wird. Aus einem technokratischen Arsch kann halt kein inspirierender Pfurz kommen.

*Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927

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