Digitalisierung als Antibabypille

Frauen und Technik. Lange Zeit wurde dieser Ausspruch vor allem genutzt um Geringschätzung der weiblichen Fähigkeiten auszudrücken. Technik war mit Außerhausarbeit verbunden und damit eine Männerdomäne. Je technisierter aber unser Alltag wird, umso mehr werden Frauen zu early adopters der technischen Möglichkeiten. Am Bett des erkälteten Kindes zu sitzen und mit Smartphone oder Tablet trotzdem ein Tor zur Welt haben, ist der Segen unserer Zeit. Dem Kind die elterliche Zeit und Zuneigung, die es in der Situation nötig hat, zu schenken, ohne sich dabei selbst (egal ob Frau oder Mann) in der Isolation einer Hausfrau der 50er Jahre zu verlieren.

Chance für Gleichberechtigung

Versteht man Gleichberechtigung als Zustand, in dem Frauen und Männer dieselben Möglichkeiten haben, sich für oder gegen diesen oder jenen Lebensentwurf zu entscheiden und dabei dasselbe gesellschaftliche Ansehen genießen – ist die Digitalisierung die größte Chance für die Gleichberechtigung der breiten Masse seit der Industrialisierung. Gleichzeitig besteht die große Herausforderung, trotz dieser Möglichkeiten unserer Menschsein nicht zu vergessen und weiter Kinder in die Welt zu setzen.

Ortsgebundenheit verschwindet

Die Digitalisierung erlaubt es, immer und von überall zu arbeiten. Die digital nomads sind die Spitze dieser Bewegung, die sich als Globalbürger verstehen und keinen festen Wohnsitz mehr haben. Kindererziehung und Karriere werden per Multitasking gleichzeitig gemacht, die DigitalMums, ein britisches Unternehmen, dass Mütter zu Social Media Managern ausbildet, ist ein gutes Beispiel für diese Entwicklung. Aber auch im Homeoffice oder als selbstständiger Blogger versuchen Frauen der Reduzierung auf das Dasein als Hausfrau und Mutter zu entkommen. Interessant dabei ist, dass sie dabei meist nicht über das Ein-Frau-Unternehmen hinaus kommen und Kuchenbacken eine höhere Priorität als Netzwerken erhält, so Alexandra Borchardt in der Süddeutschen Zeitung.

Immer weniger Arbeit

Maschinen übernehmen in Zukunft immer mehr Arbeit, so dass immer weniger Menschen arbeiten müssen. Dies spiegelt sich auch darin wieder, dass das Bedingungslose Grundeinkommen immer ernsthafter diskutiert wird und in einigen Staaten getestet werden soll. Werden Arbeit und Einkommen entkoppelt, wird nur noch wichtige Arbeit verrichtet und sie fungiert noch mehr als Statussymbol, als dass es heute der Fall ist. Andererseits verliert Nicht-Arbeit oder Arbeitslosigkeit den Makel des Unanständigen oder anders gesagt: Arbeitslosigkeit gewinnt an Akzeptanz. Diese Akzeptanz kann dafür genutzt werden, innerfamiliäre Arbeit attraktiver für beide Geschlechter zu machen. Allerdings wird sich dies vor allem für geringere Bildungsgrade, die unwichtige Arbeit verrichten, bemerkbar machen.

Was sind die Risiken?

Die Kehrseite dieser Entwicklungen sind in Bezug auf Frauenrechte nicht so offensichtlich. Frau Borchardt warnt davor, dass auch Algorithmen, beispielsweise bei Online-Bewerbungen oder Kreditwürdigkeitsüberprüfungen Stereotype transportieren können. Jedoch sehe ich nicht die eigene Qualität des Digitalen an dieser Stelle: Verändert sich die Stereotype, verändert sich auch der Algorithmus. Und ob meine Kreditanfrage von einem frauenfeindlichen Bankmitarbeiter oder einen frauenfeindlichen Algorithmus abgelehnt wird, ändert nichts am Inhalt der Ablehnung. Letzteres lässt sich immerhin mit einer Anweisung von oben einfach beheben.

Unterschiedslosigkeit als Gefahr

Die größte Gefahr der Digitalisierung in Bezug auf die Gleichberechtigung ist die Nivellierung der Geschlechter, die völlige Unterschiedslosigkeit. Im Netz sind wir alle Geist ohne Materie und damit erstmal völlig gleich. Attraktion wird aber über die Betonung der Unterschiede vermittelt (auch homosexuelle Attraktion funktioniert so), sonst wären wir uns alle selbst genüge. Eine Welt die absolute Selbstbestimmung und ewige Cyber-Selbstverwirklichung verspricht, lässt nicht viele Wünsche offen, zu deren Verwirklichung man Kinder in die Welt setzt.

Digitalisierung und Antibabypille

Sylvia Coutinho, Topmanagerin einer Großbank, hat beim diesjährigen Global Summit of Women die Auswirkungen der Digitalisierung mit denen der Pille gleichgesetzt. Frauen können nun endlich Kinder und Karriere vereinbaren. Da frage ich mich, wann ist Arbeit eigentlich zu einem Wert an sich geworden und wann haben Kinder ihren individuellen, persönlichen Wert verloren? Der entscheidende Punkt an diesem Vergleich sind die langfristigen gesellschaftlichen Folgen. Für jede einzelne Frau ist die Möglichkeit der simplen Verhütung mit der Pille ein Glück – für die Gesellschaft ist eine Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau eine Katastrophe. Dasselbe gilt für die Digitalisierung, für den Einzelnen wunderbar, aber was sind die langfristigen Folgen der Selbstbestimmung?

Effizienz, Effektivität und Allverfügbarkeit

Es bleibt also unsere Entscheidung, was wir mit den unendlichen Möglichkeiten des Internets anfangen wollen: Werden wir zu immer verfügbaren Ameisen, die unser Leben in den Dienst unserer Arbeitgeber stellen und uns vorschreiben, wie wir zu leben haben: effizient, effektiv und stets verfügbar. Taylorismus pur. Oder nutzen wir die neuen Möglichkeiten um selbstbestimmt dem Müßiggang zu fröhnen und uns nur dann dem System zu unterjochen, wenn wir es brauchen?

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